Die Menschen

Die Schotten sind gastfreundlich und wahren freundliche Zurückhaltung und Distanz, die sie auch für sich in Anspruch nehmen. Mag sein, dass sie im ersten Eindruck nicht so kontaktfreudig wirken, sie sind es trotzdem. Man kommt recht leicht mit ihnen ins Gespräch. Ich bin stets sehr viel Aufmerksamkeit und höflichem Respekt begegnet. Allerdings vorwiegend eine "Männerwelt", so sagte man.

Mir ist aufgefallen, dass der Schotte das "Shoppen gehen" gerne zu einem wahren Familienfest macht. Na also, kann demnach nichts dran sein am sprichwörtlichen Geiz. Ich habe ihn jedenfalls nirgends vorgefunden, eher die ganz normale Sparsamkeit, egal wo man lebt.

Ihre Höflichkeit ist angenehm und begegnet einem überall. Selbst auf Straßenschildern entschuldigt man sich für die Unannehmlichkeiten, die z.B. eine kleinere Baustelle bereitet. Und wenn man über Bodenwellen solcher Baustellen fährt, stehen zuvor so viele Schilder, dass man es irgendwann begreift, aber eben nicht durch Gebote oder Verbote wie bei uns, endlich langsamer fahren zu müssen.

Während der Foot & Mouth Desease begegnete meiner Tochter und mir diese respektvolle Höflichkeit mehrfach. Als wir z.B. in den Glen Lyon hineinfahren wollten, mussten wir zunächst eine Reifenwäsche zur Desinfektion in Kauf nehmen. Das bedeutete einen kurzen Aufenthalt am Tor. Dort wurden die Reifen abgesprüht... aber nicht, ohne dass sich das Ehepaar wiederholt für die Unannehmlichkeiten, die sie uns damit machten, entschuldigt hatten. Sie erklärten uns sogar, was es für sie bedeuten könnte, wenn sie die Desinfektion nicht vornehmen würden. Entschuldigungen dafür, dass ihre Existenz durch diese Tierseuche sowieso komplett auf dem Spiel stand? Der Deutsche hätte einfach verlangt und gefordert, hätte auf Biegen und Brechen "sein Recht" durchgesetzt. Solche Dinge erlebte ich in Schottland nicht.

Das heißt aber nicht, dass sich der Schotte eventuell alles gefallen ließe. Es liegt keinerlei Unterwürfigkeit darin. Und er verteidigt, was er hat. Dann "hagelt es". Wunderbare Eigenschaften. Manchmal hatte ich geglaubt, doch irgendwie im für mich falschen Land zu leben. Die Deutschen erwarten, aber nur von den anderen, der Schotte nimmt es selbst in die Hand. Er liebt, was er hat, die Deutschen sind selten damit zufrieden.

Ein stolzes Volk mit viel Selbstachtung, Mut und Stärke, so meine Meinung. Romantisch und  pragmatisch, bodenständig zugleich. Herzlich, aber nicht klein. Gerecht, gerade heraus. Ich fühlte mich äußerst wohl bei ihnen.

Gedanken

Es hat mir immer viel Freude gemacht, in diesem Land zu Gast zu sein. Wenn ich auf den Hills oder in den Highlands stand, inmitten der weiten Heideflächen, war ich hin und weg. Diese friedfertige Weite wirkt so beruhigend. Ich liebe das Land, als Gast und auch für längere Zeit. Wenn ich nach einer der Reisen nach Hause zurückkam, war ich wiederum dankbar, dass es so ist wie es ist. Aber schon bald danach war es wieder soweit: mich packte die Sehnsucht nach Schottlands Weiten und plante den nächsten Besuch. Etliche Jahre ein Pendeln zwischen zwei Welten und zwei Ländern, nahezu ständig in Kontakt mit "meinem Schotten", welches leider durch seinen Tod das abrupte Ende fand.

Mir fehlen selten Worte, doch wie drückt man diese eigenartige Verbundenheit aus? Wenn ich in den Highlands wanderte oder an den Klippen der Küste stand, erfasste mich das gleiche Gefühl wie manchmal auf unserem Hausberg daheim, abends, wenn dort endlich Ruhe herrscht. Es ist ein Gefühl des Aufgehobenseins, eines von Freiheit, Unabhängigkeit. Der Blick, die Stille und Wind im Gesicht... die Welt scheint mich endlich in Ruhe zu lassen. Eine Welt, die in vielen Teilen nicht unbedingt meine ist.

Schottland ist reizvoll, faszinierend, doch auf Dauer wohl nur etwas für Menschen, die beständig mit einer solchen Abgeschiedenheit und oftmals Einsamkeit leben können. Auch hatte ich gelegentlich doch auch vermisst, ganz einfach in die Landschaft hinein zu laufen und dazu nicht erst immer wieder neue Zäune überwinden zu müssen. Die Wiesen sind daher selten einfach begehbar, wie wir es gewohnt sind. Und ohne gute Ortskenntnis in der Heide zu wandern ist Leichtsinn. Gräben, Moore und Wasserlöcher durchziehen die Flächen, sind jedoch für den Ungeübten nicht sofort als solche erkennbar. Na ja, und außerdem stehe ich auf Kriegsfuß mit Kühen und die gab es zumindest in den flacheren, ländlichen Regionen um Elgin überall. Die Kühe... und die vielen Zäune. In den Highlands ist es anders gewesen.

Das Essen war mir im Allgemeinen zu schlecht. Dieses eine Klischee trifft ausnahmsweise mal zu. Nahezu alles war paniert, in ziemlich viel Fett gegart, selbst beim "schottischen" Chinesen. Ich ziehe die leichte und abwechslungsreiche mediterane Küche vor. Fish and Chips waren für mich ein Grauen, aber dort das schnelle Essen an sich. Gute Küche, hervorragende sogar, fand ich nur in recht kostenintensiven Restaurants und Hotels. In Aberlour entdeckte ich ausnahmsweise einen tollen Delikatessen-Laden. Selber zu kochen, empfehle ich daher als Ausweg aus diesem, allerdings kleinen Dilemma.

Über das "Anders" habe ich mir oft Gedanken gemacht. Vielleicht, weil das Land noch Raum besitzt, in der der Mensch sich einfügen muss und der Lärm der Zivilisation noch weniger spürbar, vor allem hörbar ist? Weil man dort noch in und mit der Natur leben kann, es noch viel für Herz und Auge zu bieten hat? Wer weiß...